Weihnachtliche Stunden mit Kunesto
Von Mireille Rohde, Wuppertal
Kunesto läutet die Weihnachtszeit ein! Einen ganz besonderen Abend bescherte uns in diesem Auftrag der Schauspieler und Erzähler Achim Brock an einem schönen Sonntag im November. Charles Dickens Weihnachtsgeschichte, so lebendig und märchenhaft schön erzählt wie nie zuvor, entführte uns in die Welt der Abenteuer und Geschichten und versetzte den einen oder anderen bereits in vorweihnachtliche Stimmung. Jung und Alt lauschte andächtig der Geschichte des herzlosen Geschäftemachers Scrooge, der sich mit Hilfe dreier Geister doch noch eines Besseren besinnt und sein Leben fortan als herzlicher und spendabler Mensch verbringt. Ein besinnlicher Abend wie er schöner nicht sein kann!
Erzähltheater kam gut an
WERL ▪ Raus aus dem abendlichen Werl und gedanklich hinein ins London des 19. Jahrhundert wurden am Samstag alle Besucher des Cafés zur alten Kirche versetzt. Achim Brock gestaltete dort das Programm.
Organisiert wurde der Abend von Melange e.V., Thomas Eicher übernahm die Begrüßung: „Der Schauspieler ist für Sie aus Düsseldorf angereist, um Ihnen Charles Dickens ‚Ein Weihnachtslied in Prosa’ zu Gehör zu bringen. Es ist ein Erzähltheater, das heißt, er präsentiert Ihnen die Geschichte auf eine eigene, selbstinszenierte Art.“
Und genau das machte Achim Brock dann. Verkleidet mit einem weißen Frack, einem hohen Zylinder auf dem Kopf und weißen Handschuhen erzählte und spielte er die Geschichte um Ebenezer Scrooge vor.
Scrooge, das ist ein eiserner Geschäftsmann, ein habgieriger alter Sünder, verschwiegen, einsam und verschlossen wie eine Auster. „Die Welt sollte ihn in Ruhe lassen“, erzählte Brock. Für ihn ist auch Weihnachten bloß dummes Zeug und von einer Spende für die Armen hält er herzlich wenig. Doch diese Einstellungen sollten sich am Vorweihnachtsabend grundlegend ändern.
Es beginnt damit, dass ihm der Geist seines toten Geschäftspartners Jacob Marley im Schlafzimmer erscheint, der dazu verdammt ist, all das Elend anzusehen, was er hätte vermindern können. Er kündigt Scrooge an, dass ihm beim ersten Schlag nach Mitternacht drei weitere Geister erscheinen werden, um ihm die Augen zu öffnen.
Und so kommt es, dass Punkt um ein Uhr nachts der Geist der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht einen Besuch abstatten. Zunächst wird Scrooge in seine Kindheit zurückversetzt, die er einsam in einem Internat verbringen musste. Seine geliebte Schwester starb sehr früh, seine große Liebe verließ ihn. All das wird Scrooge schmerzlich vor Augen geführt und zum ersten Mal in seinem Leben wird ihm warm ums Herz.
Nach diesen zwei Geisterbesuchen gönnte Achim Brock seinem Publikum eine Pause zur Stärkung, bevor es dann mit dem Geist der gegenwärtigen Weihnacht weiterging.
Dieser erscheint ebenso wie der erste Geist: „Komm her und lerne mich besser kennen!“ Der Geist zeigt ihm, wie seine Familie, sein Gehilfe und alle anderen Menschen ein glückliches Weihnachtsfest feiern, während er allein in seinem Haus sitzt. Scrooge ist ganz gerührt vom Glück und der Liebe, doch stellt er mit Erschrecken fest, dass man von ihm nur mit Spott redet.
Der Geist der zukünftigen Weihnacht macht ihm jedoch die größte Angst. Er beobachtet eine Szene in der Börse und zwei Männer unterhalten sich über Scrooges Tod: „Jetzt hat ihn der Teufel endlich geholt!“ Niemand betrauert oder beweint ihn, man schlägt sogar noch Profit aus seinem Tod. Als ihm der Geist schließlich sein eigenes Grab zeigt, trifft er die Entscheidung, sich ändern zu wollen und ein anderes Leben zu führen. Zurück im richtigen Leben spendet er den Armen, hilft den Menschen und ist großherzig und freundlich. Die Geister hatten ihre Pflicht erfüllt.
Ebenso beeindruckend wie die Geschichte selbst war Achim Brocks Vortrag. Ohne einmal zu stottern oder zu überlegen trug er die lange Geschichte völlig frei vor. Mit großer Gestik und Mimik stellte er die verschiedenen Personen und Geister eindrucksvoll dar und veränderte dabei jeweils seine Stimme. Ängstlich, mahnend, herrisch, laut und leise – alles kam gut verständlich beim Publikum an.
Immer wieder wandte sich Brock auch ans Publikum, sprach einzelne Personen an oder band sie in sein Spiel mit ein. Langer Applaus am Ende und nur positive Worte waren zu hören und nachdem Achim Brock allen ein frohes Weihnachtsfest gewünscht hatte, blieb auch Thomas Eicher nicht mehr viel zu sagen, außer Dank an den Künstler und sein Publikum. Der Abend zeigte wieder einmal, dass das Café zur alten Kirche immer einen Besuch wert ist.
So ein Theater! Ein geistreicher Café-Abend
Von Karin Weishaupt, 16.01.2011
[...] Er erzählte nicht das "Gespenst von Canterville", sondern er war das Gespenst, als er sich schreiend, ächzend und stöhnend durch den Türspalt in den Raum hinein zwängte.

Der Schauspieler Achim Brock "macht Theater" oder vielmehr Erzähltheater, eine Form der Präsentation von Geschichten, die stark von Gestik und Mimik lebt und bei der der Erzähler ansatzweise in einzelne Rollen hineinschlüpft und diese darstellt. Das Publikum bekam richtig Mitleid mit dem armen Gespenst von Canterville, dem so übel mitgespielt wurde und das so gerne nach 300 Jahren ohne Schlaf endlich zur Ruhe kommen wollte! Sein Tod war eine wahre Erlösung, und dann war der Spuk zu Ende.
Entdeckung des Erzähltheaters
Von Beate Vogt-Gladigau
Erzähltheater ist eine Theatergattung jüngerer Zeit, in der erzählerische Elemente und Theater zu einer neuen Bühnenform verschmelzen. Dieser Kunst Ausdruck zu verleihen, darauf versteht sich exzellent Achim Brock. "Ja, ich weiß, was Du jetzt machst. Du liest uns eine Geschichte vor!" ruft ein Steppke auf die entsprechende Frage von Achim Brock in den Saal und kuschelt sich gemütlich in seinen Sitz. Aber das stimmt nicht. Der Rezitator und Schauspieler Achim Brock ist Erzähler und Schauspieler in einer Person. Und so gab es "Zwerg Nase" in neuer Version. Erzähltheater ist eine Theatergattung jüngerer Zeit, in der erzählerische Elemente und Theater zu einer neuen Bühnenform verschmelzen. Die Zuschauer im Haus des Gastes haben dies schnell bemerkt.
Über die Berge geklettert
Wilhelm Hauff hatte das Märchen "Zwerg Nase" 1827 für "Söhne und Töchter gebildeter Stände" veröffentlicht. Brock hatte "sieben Meere durchkreuzt, sieben mal sieben Königreiche durchwandert und war auf sieben mal sieben Berge geklettert", um aus dem Märchenreich nach Bad Kreuznach zu gelangen und das Märchen mitzubringen. Aus einem Stall aus Kristall, in dem alle Märchen dieser Welt angebunden sind, hatte er die durchaus auch sozialkritische Geschichte von Zwerg Nase entliehen - mitgebracht hatte er aber auch Bonbons, die er eifrig agierend unter Kindern und Erwachsenen verteilte. Dadurch stimmt Brock auch auf die Handschrift des Erzähltheaters ein. Der Bühnenerzähler wendet sich in seinen Rollen innerhalb der Geschichte an das Publikum und ruft Reaktionen hervor.
Brock bekommt ´nen Buckel
Er identifiziert sich mit Figuren des Stücks. Stimme, Haltung und Mimik verändern sich, um die Rolle anzudeuten. Brock erzählt und stellt dar, bringt sich als Erzähler phasenweise in Erinnerung und taucht dann wieder in das Märchen und ihre Personen ein. Brock macht die Geschichte des von der Hexe verzauberten Jakob in der Gegenwart erfahrbar. Er bekommt einen Buckel, eine Nase bis unter das Kinn, sein Hals verschwindet. Er beschwört innere Bilder, die Einbildungskraft entwickeln. Brock sucht die Nähe zum Publikum, nimmt Köpfe der Zuhörer in die Hand, die Jakob als Kohlköpfe zur Hexe bringt. Der Zuschauer wird zum Mitschöpfer der Inszenierung, beteiligt sich bei Interaktionen. Innere Bilder, die Brock erzeugt, werden lebendig. Kleine und große Zuhörer schrecken auf, wenn Brocks Stimme unerwartet laut wird, und sie fiebern mächtig mit. Der Übergang von "es war einmal" zum Jetzt gelingt mühelos. Brock verkörpert die Mutter von Jakob, eine Marktfrau. Er schlüpft in die Rolle des verhärmten Vaters. Er lässt Meerschweinchen und Eichhörnchen, die Küchenjungen der Hexen, ihr Unwesen treiben. Brock beschwört eine ganze Galerie von Charakteren, die er zwischen Bühne und Zuschauerraum zum Leben erweckt. Seine erzählerischen Aktionen wecken Emotionen.
Erzähltheater als eine Performance von Geschichte und Schauspiel kommt mit minimalen Requisiten aus. Im Kerzenschein und im altertümlichen Kostüm aus der Epoche der Renaissance, mit Schnallenschuhen und einem opulenten Landsknechtsbarett legt Brock auch eine Spur zu den Anfängen des Erzähltheaters, die von der Antike bis zu den Moritatensängern des Mittelalters reichen.














